Beate KUHN (1927-2015)

Beate_Kuhn_01
   

Keramik aus dem Geiste der Musik und der Natur

Zum Tode der deutschen Keramikerin Beate Kuhn

Auf die Genese ihrer Plastiken angesprochen verwies Beate Kuhn immer wieder auf die Neue Musik des 20sten Jahrhunderts als Einfluß. Sie, die beim Arbeiten mit Vorliebe die atonale Musik Luigi Nonos hörte, hatte die strukturellen Analogien der verschiedenen Genres erfaßt und, fruchtbar und eigenwillig wie niemand neben ihr, die Grundprinzipien gestalterischen Bildens – Wiederholung und Variation – intuitiv in die zeitgenössische Keramik übertragen. So erfand sie sich ein ganz eigenes, unverwechselbares Idiom: Eine aus den genuinen Mitteln und Techniken der Töpferei stammende, gleichwohl erstaunlich freie keramische Plastik, indem sie ihre oft an die Grenze des Machbaren stoßenden Plastiken gänzlich aus auf der Scheibe gedrehten, endlos variierten und farbig glasierten Elementen zu größter Komplexität montierte, zuletzt mitunter um das Material Glas erweitert. Motivische Anregungen waren ihr hierbei Geschöpfe und Gebilde der Natur, die sie – programmatisch als Tier und Pflanze oder in abstrahierender Interpretation als organische Komposition – mittels Reihung und Montage in plastische Formen umsetzte.

Am 15. Juli 1927 in Düsseldorf geboren entstammte Beate Kuhn einem künstlerischen Elternhaus – der Vater Erich war Bildhauer, Pianistin die Mutter Lisa. Nach dem Abitur 1947 – die Familie war kriegsbedingt nach Neustadt im Schwarzwald gezogen – wäre sie gerne Malerin geworden, glaubte sich aber zu untalentiert. Ein begonnenes Kunstgeschichtsstudium in Freiburg und die materiell armselige, doch kulturell reiche Nachkriegszeit prägten sie. Da die künstlerische Moderne vielgestaltig nach Deutschland zurückkehrte, waren die Heroen der jungen Kunstenthusiastin Maler wie Paul Klee und Joan Miró. Abbildungen einiger Gefäße des Keramikers Jan Bontjes van Beek wiesen ihr dann den Weg zur Töpferei: Aus der gewünschten Lehre bei Richard Bampi im nahegelegenen Kandern wurde nichts, so studierte sie ab 1949 an der Werkkunstschule in Wiesbaden, nach der Gesellenprüfung an der Werkkunstschule Darmstadt bei Friedrich Theodor Schroeder.

Noch am Ende der Ausbildungszeit entwarf sie für die Firma Rosenthal asymmetrische Vasenformen, auch die als „Kummet-Vase“ bekannt gewordene extravagante Oval-Form mit seitlicher Öffnung. 1953 übernahmen sie und der gleichfalls an der Darmstädter Schule ausgebildete Karl Scheid die Werkstatt ihres Lehrers im südbadischen Dorf Lottstetten, wo Beate Kuhn organische Geschirre und anthropomorphe Gefäßplastiken bemalte, figürliche Abstraktion in der Art ihrer Maler-Favoriten auf Keramik übertragend. Die Frankfurter Messe war der unverzichtbare Vertriebsweg für die in der Provinz entstandene Avantgarde-Ware. 1957 schließlich siedelte sie nach Düdelsheim in Hessen über, wo sie in unmittelbarer Nachbarschaft der neuen Werkstatt des Ehepaares Karl und Ursula Scheid und des Ateliers des Bildhauers Berhard Vogler einen von ihrem Bruder entworfenen Wohn- und Werkstatt-Bungalow bezog, Ort des Lebens und Arbeitens fortan. Mit ihrer gegen das Ende der 1950er Jahre entwickelten Sprache einer aus Drehteilen montierten Plastik wurde die stets Liebenswürdige zu einer hochgeachteten, spätere Entwicklungen antizipierenden Ausnahmeerscheinung in der deutschen Keramik nach 1945. Anerkennungen und Preise häuften sich: 1968 wurde sie Mitglied der Genfer Académie Internationale de la Céramique, später gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern der Gruppe 83, erhielt unter anderen Badische, Bayerische und Hessische Staatspreise, wurde doppelt mit dem Westerwaldpreis bedacht und zuletzt geehrt mit dem Preis der Lotte-Reimers-Stiftung, Ausstellungen hatte sie weltweit, Museen in Deutschland, Europa und Japan hüten ihre Arbeiten.

 

Ein keramisches Wunderland ohnegleichen hinterlassend starb die große deutsche Keramikerin Beate Kuhn am 10. Dezember 2015.

 

Dr. Walter Lokau